Archive for Juni, 2010

Unter dem Titel „Lenaismus“ brachte der Spiegel einen mehrseitigen Beitrag zum Eurovision Song Contest in Oslo. Optisch geschönt mit einem ganzseitigen Gesichtsportrait von Lena Meyer-Landrut. Die Sängerin trägt darauf eine Brille mit dem gut sichtbarem Schriftzug des Herstellers Ray Ban. Für etwas lebenserfahrene Menschen ist die Brille als „Wayfarer“ gut erkennbar. Diese erlangte gerade in Musikerkreisen Berühmtheit, weil sie unter anderem ein Markenzeichen der „Blues Brothers“ war.

Der Verfasser des Beitrages, Tobias Rapp, gefeierter Musikredakteur der taz, schreibt dazu peinlicherweise im zweiten Absatz des Spiegelartikels über Lena Meyer-Landrut: „…ein staunender Blick durch eine sehr große, schwarze Nana-Mouskouri-Brille.“

Nun hat sich Nana Mouskouri in ihrem Künstlerleben mit vielen großen, runden Brillen geschmückt – die typische Form der Wayfarer war nach meiner Recherche nicht dabei.

Aber das ist ja nur das Wissen einer Wissenschafts- und Technikjournalistin – Musik zählt beruflich nicht zu meinen Fachgebieten… Die Dokumentationsabteilung des Spiegel umfasst laut Impressum 75 Mitarbeiter. Was machen die bloß den lieben langen Tag? Fundierte Allgemeinbildung scheint für die Recherche jedenfalls nicht Voraussetzung zu sein…

Eine Wayfarer zu tragen, ist seit Jahrzehnten ein Statement. Für einen guten Journalisten, der ein Portrait über eine Trägerin dieser Brille macht, wäre die Nachfrage dazu wesentlich ergiebiger als der falsche Schubladenvergleich mit Nana Mouskouri.

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„Wenn es soweit ist, dass ein Verleger sich keine Redaktionen mehr leisten kann, soll er es lassen“, sagte Stern-Journalist und ehemaliger Chefredakteur der „Woche“, Hans-Ulrich Jörges, im Spiegel. Wie wahr.

Das wird so mancher selbst ernannte, frisch gebackene „Chefredakteur“ auch noch lernen. Dass Leser durchaus zwischen einem Blatt unterscheiden können, das von netten Vertriebsmädels ohne Hauch von journalistischem Handwerkszeug, gemeinsam mit einem Heer schlecht bezahlter Freiwilliger erzeugt wird, denen man Griffel, pardon Tastatur, und Digitalkamera in die Hand drückt – im Gegensatz zu einem professionell gemachten Magazin, das seine Euros wert ist.

Und für die Objektivität ein Zitat des erfolgreichen Geschäftsmannes und Apple-Chefs Steve Jobs aus dem „Focus“: „Ich will nicht, dass wir zu einer Nation von Bloggern verkommen. Wir brauchen heute Redaktionen mehr denn je.“

Erfolg kommt eben nicht von ungefähr. Cool

NEW YORK (AdAge.com) — AOL is planning to hire hundreds of journalists, editors and videographers in the coming year as it builds out its content-first business model. (Published: June 08, 2010)

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