Archive for Juli, 2010

… so der Titel eines Spiegelbeitrages (29/2010) über ein Comeback der Kohle. Der gleiche Titel wurde bereits 1996 (Ausgabe 36) schon mal identisch eingesetzt. Da ging es um Leichtathletik. Für einen künftigen Beitrag über Kaffee oder Schokolade könnte man die Zeile erneut recyclen. Nur so ein Tipp, falls die spritzigen Ideen wieder mal fehlen.

Schwarz sehe ich für die journalistische Qualität auch, wenn Vorführmagazine wie Der Spiegel unbedarfte Meinungen ihrer Schreiberlinge als Tatsachen an den Leser bringen.

„… und bei 1100 Grad verfeuert. Die Höllenhitze lässt…“

Hmm. Soso. In der Hölle hat es also rund 1100 Grad. Also kann sie zumindest nicht auf der Sonne liegen, denn deren Oberfläche hat schon um die 5500 Grad, und in ihrem Inneren heizen geschätzte 15 Millionen Grad. Da ist die Hölle der drei Schreiber des Beitrages geradezu kalt dagegen. Für manche Menschen sind schon 40 oder 50 Grad auf dieser Erde die Hölle.

Plastische Beschreibung macht für den Leser mehr Sinn und wertet einen ansonsten langweiligen Beitrag auf. Fussballfeldgroß ist anschaulicher als 70 mal 105 Meter. Der Vergleich muss aber den Tatsachen zumindest in der Größenordnung entsprechen und schon die Tatsache hinkt bei der Höllentemperatur gewaltig.

Geschwurbel und Geschwafel. Statt packendem Stil.

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Der Spiegel und die Luftfahrt – zwei Welten, die wollen einfach nicht zusammenkommen.

Schon die Titelzeile „Testpilot ohne Flugzeug“ (aus „Der Spiegel 27/2010“) ist journalistisch gesehen, Mist. Analog zum falschen Logikschluss: „Wenn die Straße nass ist, hat es geregnet.“ Nur weil es (auch) nass ist, nachdem es geregnet hat.

„Fliegen mit dem eigenen Körper“ auf Deutsch ist, zugegeben etwas sperrig. Aber dafür zumindest korrekt. Wie oft, ist der original englische Ausdruck „Body Pilot“ kürzer, treffender und damit passender.

Gleich der erste Satz zeigt, wie wenig Ahnung der Autor vom Thema des Artikels, Fallschirmspringen (unter Extrembedingungen) hat. Hier steht die alte, ausgelutschte, von Nichtspringern immer gern genommene Kamelle: .. „irgendwann zieht er die Reißleine…der Fallschirm schießt hervor“. Über den Vorgang des Aktivierens und der Schirmöffnung von keiner Ahnung getrübt.

Seit rund zwei Jahrzehnten ziehen Fallschirmspringer einen kleinen Hilfsschirm, der im Luftstrom durch die Fallgeschwindigkeit den Verschlusspin zum Hauptschirm öffnet. Der Schirm „schießt“ nicht nach oben, sondern der Springer fällt bis zur Öffnung mit rund 180 Stundenkilometern nach unten weg. Eine im Flugzeug befestigte Verbindungsleine, die nach dem Absprung die Hülle (Pod) um den Hauptschirm öffnet, ist mehr als Geschichte. Flapsig (und verkürzt) sagen Springer: wir ziehen den Hauptschirm, oder besser und korrekter: wir aktivieren den Hauptschirm.

Auch andere Basics der Physik scheinen am Autor unbemerkt vorbeigezogen zu sein. Denn es geht munter weiter: „Hält er einen Arm zur Seite, kullert auf den Rücken…“ No. No. No! Actio est reactio. Kraft bewirkt Gegenkraft, das wußte schon der alte Newton. Wenn ich in den Arm nach rechts ausstrecke (und das die einzige Asymmetrie in meiner Körperhaltung bleibt), dann bewege ich mich nach links in eine Linksdrehung. Um mich auf den Rücken zu drehen, muss ich den Arm (oder ein Bein) nach unten/oben bewegen oder, was üblicher ist, die Hüfte „knicken“.

Alle Fallschirmspringer duzen sich. So bringt die Aussage auch keinen Informationsgewinn, dass Felix Baumgartner Joe Kittinger als „Joe“ anredet. Wie sonst?

Noch ein unverständlicher Satz im letzten Absatz:  „Für die jungen Basejumper ist es die Himmelfahrt eines Spaßguerrillos.“ Wen genau meint er da? Junge BASE-Springer (so die korrekte Schreibweise) kamen bis zum letzten Satz im Artikel nicht vor.

Was im gesamten Artikel leider auch nicht vorkommt, sind die technischen Aspekte der Ausrüstung mit denen der Extremsprung durchgeführt werden soll. Aktiviert er den Schirm wie gewohnt? Welche Materialänderungen mussten vorgenommen werden? Interessant ist beispielsweise, dass Baumgartner wohl den guten alten Analoghöhenmesser nutzt, obwohl hier das Digitalzeitalter schon lange eingesetzt hat. Der Analoge funktioniert aber vermutlich in der extremen Kälte zuverlässiger.

Vier Seiten allgemeines Blabla ohne tieferes sinnvolles Nachfragen. 🙁

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Bildunterschriften beim Spiegel sind in der Journalismusausbildung immer ein gutes Beispiel – für schlechten Journalismus. Denn eine BU (Journalistenjargon) sollte zum Bild passen; das Bild textlich erläutern, sodass beide inhaltlich eine Einheit bilden.

Erfreulicherweise fällt der beim Spiegel übliche Mismatch zwischen Bild und BU nun auch einer normalen Leserin auf:

„…Die Titelzeile aber reißen Sie völlig aus dem Zusammenhang. Nur der gründliche Leser bemerkt, dass Frau Käßmann mit diesem Satz … charakterisierte. Der flüchtige Leser muss annehmen, sie übe sich in Selbstmitleid, was gerade nicht der Fall ist.“

Dass diese Unfähigkeit System hat, zeigt sich wenige Seiten später im selben Spiegel (26/2010). Da ist in einem Artikel über Joachim Gauck das Foto einer jungen Dame mit Gauck-Werbeplakat abgedruckt. Mit folgender BU: „Gauckunterstützerin: Ich wusste bisher gar nicht, was dieses Facebook ist.“

Der Satz aber war laut Fließtext ein Zitat von J. Gauck und nicht der Gauckunterstützerin.

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