Archive for August, 2013

Auf acht Seiten lamentiert Cardt Schnibben im dieswöchigen Spiegel über den Untergang der Tageszeitungen. Die grafische Umsetzung „des Zeitungsdramas“ ist beeindruckend, leider im Negativen. Alle Kurven stürzen ins Bodenlose.

Was Schnibben aber geflissentlich übersieht, oder verschweigt, ist der seit Wochen besorgniserregende Umfang des Spiegel selbst. Extreme Abmagerungskuren mögen für (übergewichtige) Menschen gut sein, für Magazine sind sie es nicht. Und Leser, die immer wieder monierten, gefühlt mehr als die Hälfte der mehr als 200 Seiten seien Werbung, sollten sich klarmachen, dass nur durch Werbung im Blatt auch Geld für ausgiebigere Recherchen in einem Verlag vorhanden ist.

Auf den acht Seiten der Braking-News-Geschichte ist nicht eine einzige Werbung, und auch etliche Seiten weiter keine. Das ist schlecht, vor allem, wenn über Wochen der gedruckte Spiegel kaum mehr die gewichtige Substanz hat, um eine Fliege ordentlich an der Wand zu erschlagen. Diese Woche: 138 Seiten Umfang. Inklusive Werbung.

Die eigene Misere kommt aber im Bericht nicht vor. Schweigen im Walde. Kann man sicher mit dem journalistischen Ehrencodex: „Nicht mit der Sache gemein machen“ abhaken. Aber auch mit: Wer im Glashaus sitzt, sollte nicht mit Steinen werfen? Unehrlich dem Leser gegenüber ist es in jedem Fall.

Die hier und auch andernorts gerne zitierten Chefredakteure einiger weniger Tageszeitungen, die keine Gefahr für Print sehen, sind meist weit über die 40 Jahre Altersgrenze hinaus. Auch die Realität wird ihre Sicht der Welt nicht mehr ändern. Sie werden allerdings mehr kurz als lang im Tageszeitungsgeschäft aussterben.

Dass die FAZ mit Sicherheit als eine der längsten überleben wird, liegt nicht nur an ihrem Inhalt, sondern auch an ihrem finanziellen Sicherheitspolster, auf das sie zurückgreifen kann. Auch ein modern denkender Journalist wie von Blumencron, der schon in der Spiegel-Redaktion Schwierigkeiten hatte, seine Vorstellungen durchzusetzen, wird noch sehen, wie er das in einem (von mir sehr geschätzten) extrem konservativen Blatt wie der FAZ schafft. Eine Umgebung, in der selbst so mancher Ressortleiter heute noch immer nichts mit dem Begriff Multimediales Storytelling anfangen kann, geschweige denn etwas vom „Snowfall“ der New York Times gehört hat.

Mal sehen. Der Herbst wird spannend und sicher noch weiter veränderungsreich.

Auch das Multimediale Geschichtenerzählen stößt an seine Grenzen. Wenn für eine einzige Geschichte zwar die gesamte Redaktion mehrere Wochen blockiert ist, diese aber selbst Unteraufträge keinesfalls an Externe vergibt: „So wichtige Sachen machen wir nur mit internen Mitarbeitern, das müssen Sie schon verstehen…“ dann leidet nicht nur das Tagesgeschäft. Multimedia-Erzählaktionen einzelner groß aufgeblasener Geschichten taugen dazu, mal einen Preis abzusahnen, dadurch vielleicht das eigene Image weg vom angestaubten Medium aufzupolieren, aber sicher nicht als langfristige einzige Rettung für Tages- oder Wochenzeitungen.

Aktuell kann selbst eine Tageszeitung, geschweige denn eine Wochenzeitung, in Zeiten des allgegenwärtigen Netzes nicht sein. Schlimm ist allerdings, wenn selbst die Online-Ausgaben der großen Zeitungen, für die sie nun fast unisono Geld verlangen wollen, fern von jeder Aktualität sind. Beispiel Unfall der Asiana, bei der laut Google mein Fachbeitrag stundenlang die einzige deutschsprachige Information im Netz dazu war (siehe ersten Kommentar zum Beitrag). Ohne Bezahlschranke. Dafür aber mit Hintergrundwissen.

Jeff Bezos, der Gründer von Amazon, hat das Zeug dazu, es der Branche zu zeigen. Mit seinem Kauf der Washington Post stieß er auf Unverständnis bis Angst bei den alteingesessenen Kollegen. Was er verändern will, hat er ziemlich deutlich gesagt: Nicht die Qualität (wie so viele hierzulande, die an der Kostenschraube drehen, bis sie bricht) sondern den Output. Die Art des Lesens. Vermutlich wird er sich dabei auf Tablets fokussieren und hat dabei noch den bionischen Nebeneffekt, dass mit mehr Tablets auch E-Lesen weiter in den Alltag für jedermann eingebunden und normalisiert wird und dadurch auch die E-Book-Verkäufe bei Amazon weiter steigern.

Zwar bin ich noch in einem Elternhaus groß geworden, in dem die papierene Tageszeitung jeden Morgen am Frühstückstisch lag, aber schon als Erwachsener fand ich es im Flugzeug nervig, eine A2-große Tageszeitung zu lesen ohne den Nachbarn dadurch zu belästigen. Und der Versuch, auf kleinere Formate umzusteigen, hat es zumindest für mich auch nicht gebracht: Es ist nichts Halbes und nichts Ganzes, dem immer das Image des Schnellen und des Abgewerteten anhaftet.

Informationen auf dem Tablet haben den Vorteil, dass sie jederzeit frisch sind (wenn die Redaktion spurt) und eben auch durch Links, Bildergalerien, Videos und weitere, tiefere Berichte ergänzt werden können. Das muss man nicht als etwas Besonderes, als „Mulitmediales Storytelling“ verkaufen. Das ist einfach nur sinnvolles Nutzen des Mediums. Sinnvoller jedenfalls, als eine A2-Seite mehr oder minder 1:1 ins Netz zu stellen.

Wenn diese Art der Berichterstattung einer Zeitung normal wird, ohne dass sich die Redaktion dahinter mit dem Etikett des Besonderen schmückt, dann wird die „Tageszeitung“ überleben. Auf dem Tablet. Wie Jeff Bezos es der Branche vorführen wird.

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