Posts tagged ‘Der Spiegel’

Warum man – im Spiegel, aber auch in anderen Medien – vor einer großen Veranstaltung immer alles schlecht reden muss: die Veranstalter, die Organisation, das Land, ist mir schleierhaft.

Ginge es nach den Veröffentlichungen, wäre Olympia 2012 in London das reinste Fiasko mit hunderten von Toten geworden. Während und nach der Veranstaltung grenzte die Berichterstattung schon an Lobhudelei, wie toll doch alles war. Von denen, die tatsächlich vor Ort gewesen waren.

Aus dem Spiegel 1/2014: Im Matsch

Rund anderthalb Monate vor den Olympischen Spielen in Sotschi gleicht die Stadt am Schwarzen Meer weiterhin einer riesigen Baustelle.

Jo mei.
Wer schon mal am Abend vor der Buchmesse (dem Tag der Presseanstaltungen) auf dem Messegelände in Frankfurt war, glaubt auch nicht, dass es am nächsten Morgen geordnet und schön gestaltet losgeht. Und trotzdem passiert das jedes Jahr wieder.

Und genauso wird auf olympischen Veranstaltungen, Fußballweltmeisterschaften und ähnlichen, großen internationalen Ereignissen eben bis zuletzt gearbeitet, um den Teilnehmern und Besuchern ein schönes Fest zu bieten. Halbseitige Beiträge darüber, dass nicht alles vorher bereits glänzt, sind Papier- und Lesezeit-Verschwendung.

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Ist schon vom letzten Jahr und daher ein wenig outdatet – zugegegeben. Aber erstens komme ich erst jetzt so langsam dazu, zwischendurch die letzen Spiegel „abzuarbeiten“ und zweitens (trotz meines österreichischen Gemeckers – wer schimpft, der kauft) ist es das einzige Printprodukt, das ich noch Ausgabe für Ausgabe lese.

Also:
Zwar ist die kritische Auseinandersetzung des Spiegels mit Glaube und Religion im Weihnachtsblatt eines der (vielen) verlässlichen Dinge im Leben, und daher gähhn. So erwartbar. So abhakbar.

Diesmal aber war die (Titel-)Geschichte zum Thema: Woran glaubt der Mensch sogar unterhaltsam und lesenswert. Und das, obwohl mir die Beiträge von Matthias Schulz sonst meist zu flach und von der Schreibe zu platt sind.

🙂 Man muss auch mal loben.

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Auf acht Seiten lamentiert Cardt Schnibben im dieswöchigen Spiegel über den Untergang der Tageszeitungen. Die grafische Umsetzung „des Zeitungsdramas“ ist beeindruckend, leider im Negativen. Alle Kurven stürzen ins Bodenlose.

Was Schnibben aber geflissentlich übersieht, oder verschweigt, ist der seit Wochen besorgniserregende Umfang des Spiegel selbst. Extreme Abmagerungskuren mögen für (übergewichtige) Menschen gut sein, für Magazine sind sie es nicht. Und Leser, die immer wieder monierten, gefühlt mehr als die Hälfte der mehr als 200 Seiten seien Werbung, sollten sich klarmachen, dass nur durch Werbung im Blatt auch Geld für ausgiebigere Recherchen in einem Verlag vorhanden ist.

Auf den acht Seiten der Braking-News-Geschichte ist nicht eine einzige Werbung, und auch etliche Seiten weiter keine. Das ist schlecht, vor allem, wenn über Wochen der gedruckte Spiegel kaum mehr die gewichtige Substanz hat, um eine Fliege ordentlich an der Wand zu erschlagen. Diese Woche: 138 Seiten Umfang. Inklusive Werbung.

Die eigene Misere kommt aber im Bericht nicht vor. Schweigen im Walde. Kann man sicher mit dem journalistischen Ehrencodex: „Nicht mit der Sache gemein machen“ abhaken. Aber auch mit: Wer im Glashaus sitzt, sollte nicht mit Steinen werfen? Unehrlich dem Leser gegenüber ist es in jedem Fall.

Die hier und auch andernorts gerne zitierten Chefredakteure einiger weniger Tageszeitungen, die keine Gefahr für Print sehen, sind meist weit über die 40 Jahre Altersgrenze hinaus. Auch die Realität wird ihre Sicht der Welt nicht mehr ändern. Sie werden allerdings mehr kurz als lang im Tageszeitungsgeschäft aussterben.

Dass die FAZ mit Sicherheit als eine der längsten überleben wird, liegt nicht nur an ihrem Inhalt, sondern auch an ihrem finanziellen Sicherheitspolster, auf das sie zurückgreifen kann. Auch ein modern denkender Journalist wie von Blumencron, der schon in der Spiegel-Redaktion Schwierigkeiten hatte, seine Vorstellungen durchzusetzen, wird noch sehen, wie er das in einem (von mir sehr geschätzten) extrem konservativen Blatt wie der FAZ schafft. Eine Umgebung, in der selbst so mancher Ressortleiter heute noch immer nichts mit dem Begriff Multimediales Storytelling anfangen kann, geschweige denn etwas vom „Snowfall“ der New York Times gehört hat.

Mal sehen. Der Herbst wird spannend und sicher noch weiter veränderungsreich.

Auch das Multimediale Geschichtenerzählen stößt an seine Grenzen. Wenn für eine einzige Geschichte zwar die gesamte Redaktion mehrere Wochen blockiert ist, diese aber selbst Unteraufträge keinesfalls an Externe vergibt: „So wichtige Sachen machen wir nur mit internen Mitarbeitern, das müssen Sie schon verstehen…“ dann leidet nicht nur das Tagesgeschäft. Multimedia-Erzählaktionen einzelner groß aufgeblasener Geschichten taugen dazu, mal einen Preis abzusahnen, dadurch vielleicht das eigene Image weg vom angestaubten Medium aufzupolieren, aber sicher nicht als langfristige einzige Rettung für Tages- oder Wochenzeitungen.

Aktuell kann selbst eine Tageszeitung, geschweige denn eine Wochenzeitung, in Zeiten des allgegenwärtigen Netzes nicht sein. Schlimm ist allerdings, wenn selbst die Online-Ausgaben der großen Zeitungen, für die sie nun fast unisono Geld verlangen wollen, fern von jeder Aktualität sind. Beispiel Unfall der Asiana, bei der laut Google mein Fachbeitrag stundenlang die einzige deutschsprachige Information im Netz dazu war (siehe ersten Kommentar zum Beitrag). Ohne Bezahlschranke. Dafür aber mit Hintergrundwissen.

Jeff Bezos, der Gründer von Amazon, hat das Zeug dazu, es der Branche zu zeigen. Mit seinem Kauf der Washington Post stieß er auf Unverständnis bis Angst bei den alteingesessenen Kollegen. Was er verändern will, hat er ziemlich deutlich gesagt: Nicht die Qualität (wie so viele hierzulande, die an der Kostenschraube drehen, bis sie bricht) sondern den Output. Die Art des Lesens. Vermutlich wird er sich dabei auf Tablets fokussieren und hat dabei noch den bionischen Nebeneffekt, dass mit mehr Tablets auch E-Lesen weiter in den Alltag für jedermann eingebunden und normalisiert wird und dadurch auch die E-Book-Verkäufe bei Amazon weiter steigern.

Zwar bin ich noch in einem Elternhaus groß geworden, in dem die papierene Tageszeitung jeden Morgen am Frühstückstisch lag, aber schon als Erwachsener fand ich es im Flugzeug nervig, eine A2-große Tageszeitung zu lesen ohne den Nachbarn dadurch zu belästigen. Und der Versuch, auf kleinere Formate umzusteigen, hat es zumindest für mich auch nicht gebracht: Es ist nichts Halbes und nichts Ganzes, dem immer das Image des Schnellen und des Abgewerteten anhaftet.

Informationen auf dem Tablet haben den Vorteil, dass sie jederzeit frisch sind (wenn die Redaktion spurt) und eben auch durch Links, Bildergalerien, Videos und weitere, tiefere Berichte ergänzt werden können. Das muss man nicht als etwas Besonderes, als „Mulitmediales Storytelling“ verkaufen. Das ist einfach nur sinnvolles Nutzen des Mediums. Sinnvoller jedenfalls, als eine A2-Seite mehr oder minder 1:1 ins Netz zu stellen.

Wenn diese Art der Berichterstattung einer Zeitung normal wird, ohne dass sich die Redaktion dahinter mit dem Etikett des Besonderen schmückt, dann wird die „Tageszeitung“ überleben. Auf dem Tablet. Wie Jeff Bezos es der Branche vorführen wird.

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Das war im Juni ein super spannender Vortag an der Uni Mainz, Statistik-Vorlesung um genau zu sein. Und wer denkt, Statistik – gähhn, der sollte sich mal ansehen, was die beiden Zeitkollegen: Redakteur Matthias Stolz und Grafiker Ole Häntzschel dazu zu zeigen haben. Die Erfinder der „Deutschlandkarte“ und anderer Infografiken im ZEIT-Magazin haben mit den langweiligen Umsetzungen von Zahlen in Torten oder Balken nichts mehr zu tun.

Statt gähhn……

Auszüge aus Spiegel-Magazinen der vergangenen Wochen. Torte bis zum Umfallen…

Auszüge aus Spiegel-Magazinen der vergangenen Wochen. Torte bis zum Umfallen…

mal anders:

Wer war wie oft auf dem Spiegel Cover? Das muss man bei der ZEIT nicht in Torten sehen. Foto: hkl

Wer war wie oft auf dem Spiegel Cover? Das muss man bei der ZEIT nicht in Torten sehen. Foto: hkl;

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Auch  wenn ich – wegen Um- und Neugestaltung der Website – hier nichts mehr an Inhalt hinzufügen wollte: Das muss noch sein:

–> Beitrag wurde auf Scienceblogs.de/flugundzeit verschoben.

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Zitat der Bildunterschrift, halbseitiges Foto als Eye-Catcher im Spiegel 47, 2012 :

Acker auf See: Die in der japanischen Küche beliebte Alge Nori gedeiht auf farbigen Netzen, die im flachen Wasser der Ariakesee verankert sind. Die Ernte beginnt in wenigen Wochen. (Foto von The Asahi Shimbun)

Leider kein Wort im Text dazu, ob die Algen durch das Meerwasser nicht verseucht sind, oder dazu, in welchem Grad die Belastung liegt. Fukoshima liess sich gut ausschlachten, als es „aktuell“ war und für die hiesige Politik benutzbar. Die wirklichen Gefahren der noch langen Verseuchung von Nahrungsmitteln aus der Area wären das eigentliche Thema. Für ein seriöses, auch inhaltliches ernst zu nehmendes Magazin.

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Zitat aus: Der Spiegel 5/2012 (Vorspann zu „Terror am Himmel“)

Fluglärm quält Millionen Deutsche. Der Krach kann zu Herzerkrankungen und womöglich zu Krebs führen…

Der Krach? Warum genau der? Warum nicht jeder Krach? Also einfach: Krach.

Weitere zwei Zitate aus einem späteren Spiegel 11/2012 (Seite 18)

Nach unseren Umfragen fühlen sich 55 Prozent der Deutschen durch Straßenlärm belästigt. Bei Fluglärm ist es jeder Dritte, bei Schienenlärm jeder Fünfte.

Also nochmal im Klartext: mehr als die Hälfte der Deutschen stört der Straßenlärm. Nur ein Drittel klagt über Fluglärm. Das spiegelt sich so nicht in der Presselandschaft wieder.

Der Mensch bewertet Geräusche unterschiedlich. Wenn er den Eindruck hat, diese wären vermeidbar oder werden sogar absichtlich erzeugt, stören sie ihn viel mehr als Geräusche, die er als neutral einstuft.

Können wir dann endlich zur Tagesordnung übergehen und den Menschen, die sich durch Flugzeuge gestört fühlen, erklären, dass Fluggeräusche genauso neutral sind wie der Rasenmäher von nebenan, oder der Hausbau seit mehreren Monaten gegenüber?

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… so seufzt ein Spiegeljournalist in Ausgabe 17/2012. Der Artikelvorspann im Original:

Das Heimatmagazin „Landlust“ aus Münster schafft neuerdings sogar eine Millionenauflage. Wie machen die Kollegen das bloß?

Tja, ganz einfach. Sie orientieren sich an den Kundenwünschen und nicht am eigenen Ego. Sie bringen das, was viele Leser lesen wollen und nicht das, was dem Jungredakteur xy gerade zum ersten Mal über den Weg läuft.
Der Wurm am Haken muss dem Fisch schmecken und nicht dem Angler. Für die Beantwortung braucht man keine ganze Spiegelseite, dazu langt ein Satz.

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Ein realer Tag in Athen.
Das Manager Magazin und der Spiegel sind sich uneinig. MM hält daran fest, dass Griechenland und Euro gemeinsam bleiben. Der Spiegel hat nach jahrelangem ähnlichem Tenor nun doch umgeschwenkt und sieht die Welt realistischer – so, wie die Weisen und Eingeweihten es schon lange prophezeiten: Alle Euro-Transfer-Milliarden nach Griechenland laufen in ein Fass ohne Boden.

Viele Deutsche lieben es, nach Griechenland auf Urlaub zu fahren. Laissez-faire und endlich das Leben geniessen. Der Film Alexis Sorbas (Mikis Theodorakis) lieferte das Lebensgefühl, von dem eine ganze Generation Deutscher träumte. Träumte, aber nicht danach arbeitete.
Man kann die griechische (Urlaubs-)Mentalität nicht eindeutschen. Das funktioniert nicht. Das bleiben zwei Welten und dann ist es gut so. Für beide Seiten.

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Ein wenig Wissenswertes für die journalistischen Kollegen, die derzeit über das Thema schreiben (müssen); Physiker mögen die Vereinfachung verzeihen, mir geht es um das prinzipielle Verständnis einzelner Begriffe und nicht um eine wissenschaftliche Arbeit.

Notabschaltung und Herunterfahren eines Reaktors
Nein. Das sind keine Synonyme.
Not-Aus ist auch keine Variante des kontrollierten Herunterfahrens eines Reaktors.
Not-Aus verhält sich zum Herunterfahren wie der Abschuss eines Flugzeuges in der Luft zu einer kontrollierten Landung. Etwas, das man nicht macht, ausser es gibt verdammt gute Gründe dazu – wie jetzt in Japan.
Bei einer Reaktorschnellabschaltung werden die Steuerstäbe in Sekunden in den Reaktorkern komplett gefahren. Sie enthalten meist Bor. Wenn nichts anderes mehr hilft, wird auch das Kühlwasser mit Borsäure versetzt, bezeichnenderweise nennt man das Vergiftung (des Reaktors).
Zu beiden Massnahmen braucht man allerdings Strom. Und wenn ein Tsunami nicht nur die Stromleitungen komplett eliminiert, sondern gleichzeitig auch die Dieselbehälter für die Notaggregate wegschwemmt, bleiben nur mehr die Notbatterien, falls noch vorhanden. Wie weit während eines Erdbebens kurz zuvor dann selbst ein Not-Aus noch sauber in Fukushima funktioniert hat, darüber liegen mir keine geprüften Informationen vor, ausser den Mutmassungen zahlreicher Schreiberlinge.

Reaktorfahren
ist ein Beruf mit großer Verantwortung. Auch wenn es wie Traktorfahren klingt, so sitzt der Kollege an einem Büroarbeitsplatz an einer komplexen Steuerungsanlage. Was er mit seinen Computerkommandos überwacht und gegebenenfalls steuert, sind absorbierende Stäbe zwischen den Brennelementen. Welche, wie viele Stäbe er wann wie weit zwischen die einzelnen Brennelemente einschieben lässt, das beeinflusst die Leistung des Kernkraftwerkes, aber auch dessen Abnutzung, den Abbrand (der Brennstäbe). Kennt man vielleicht von Autoreifen, die manch einer auch mal von vorne nach hinten tauscht, damit das Profil gleichmässig abgefahren ist.
Die Steuerung (und dazu zählt auch das kontrollierte Herunterfahren) erfolgt über die Regelung der Steuerstäbe im Reaktor und des Kühlmitteldurchsatzes. Ein Reaktor wird also kontinuierlich gefahren, „überwacht“ und geregelt, nicht nur im Fall eines kontrollierten Herunterfahrens („Abschalten“).
(Es mag sein, dass sich der Kollege lieber als Systemingenieur oder ähnliches sieht, das fällt aber eher in die Kategorie: Hausmeister versus Facility Management)

Demonstranten fordern: Kernkraftwerk abschalten und aus ist es
Weder ein kontrolliertes Abschalten (Herunterfahren) noch ein Not-Aus beenden die Energieproduktion ad-hoc. Man kann einen Reaktor nicht wie eine Lampe einfach ausknipsen.
Eine Schnellabschaltung verhindert durch die Absorption der freien Neutronen weitere initiale Spaltung von Kernen. Was dies nicht verhindert, ist der weitere radioaktive Zerfall der entstandenen Spaltprodukte. Und die produzieren noch tagelang Radioaktivität und damit Nachwärme – hart gesprochen: Leistung, die aus welchen Gründen auch immer, dann nicht mehr gefragt ist. Aber weiterhin entsteht.

Wenn man ein Kernkraftwerk auf Dauer stilllegt, müssen also alle Brennstäbe einzeln aus dem Core, dem Reaktorkern entfernt und weiter voneinander gelagert und weiterhin gekühlt werden. Auch Brennelemente, die nach dem Erreichen des zulässigen Abbrandniveaus ersetzt werden sollen, werden vor dem Abtransport in einem wassergefüllten Abklingbecken zwischen gelagert.

Wie das Herunterfahren klappt auch das Anfahren eines Reaktors nicht per Anknipsen: Neue Kernreaktoren fährt man über mehrere Tage an, während Zustand und Verhalten des Reaktors penibel überwacht werden.

Abklingbecken
Das Abklingbecken ist kein und enthält keinen Reaktorkern. Es sieht – platt ausgedrückt – aus wie ein Schwimmbecken. Oben offen. Hierin werden bereits zu viel verbrauchte („abgebrannte“) Brennelemente tagelang zwischengelagert, bevor sie zur Wiederaufbereitung abtransportiert werden. Die Lagerung ist nicht so dicht gepackt wie im Kern.
Fehlt das kühlende Wasser, entsteht auch hier große Wärme.

Restwärme
Auch nach dem Beenden der Kettenreaktion entsteht im Reaktor Wärme, weil die entstandenen Spaltprodukte selbst radioaktiv zerfallen. Der Begriff Restwärme ist Nonsens, weil die Nachzerfallswärme keine noch vorhandene Hitze des Reaktorkerns beim Abschalten ist, sondern durch weitere radioaktive Zerfälle neu produziert wird.

Halbwertszeit und was man wirklich fordern sollte
Wir sind gewohnt, regelmässig mit neuen Katastrophenmeldungen überflutet zu werden, die die alten möglichst schnell aus unserem Gewissen verdrängen. Welcher Lebensmittelskandal ist gerade noch in unserem Bewusstsein präsent? Ist Ägypten, Libyen noch oder jetzt nur mehr Japan das Gesprächsthema?
Cs 137, eines der relevanten Spaltprodukte bei Siedewasserreaktoren, hat eine Halbwertszeit von 30 Jahren. Es ist gut wasserlöslich und sehr Sauerstoffaffin. Zu gut deutsch: mischt sich also mit allem und jedem, in der Luft und in der Nahrungsmittelkette. Radioaktive Strahlung sieht man nicht, schmeckt man nicht, riecht man nicht. Sie wirkt trotzdem. Haben wir also jetzt irgendwo die achtfache zulässige Belastung, so wirkt in 30 Jahren noch immer die vierfache auf uns ein. Wir importieren aus Japan und der Region nicht nur Fisch, sondern auch Autos und vieles mehr.
Wer kontrolliert hierzulande Importe auf Strahlung? Wo gibt es öffentlich zugängliche Strahlungsmessgeräte, die jeder benützen kann? Warum fordert das keiner in einer Demo?

Kernkraft statt Atomkraft
Die Kraft liegt im Kern und nicht in seiner fast materielosen Elektronenhülle. Wer von Atomkraft statt von Kernkraft spricht, lässt erahnen, wie wenig er von der Materie, über die er sich äussert, versteht.
Zur Erinnerung: In der Physik gibt es vier Grundkräfte: die starke Kernkraft, Elektromagnetische Kraft, schwache Kernkraft und die Gravitation. „Atomkraft“ fällt in die gleiche Worthülsen-Kategorie wie Herzkraft oder Körperkraft.
Ich, du, er, sie, es – alle Materie in diesem Universum besteht aus Atomen. Also, was immer die „Atomkraft“ beschreiben möge, sie umfasst auch unser gesamtes Leben und nicht nur Kernkraftwerke. Noch immer abschaffen?

Kritisch und nicht kritisch
Wenn ebenso viele freie Neutronen erzeugt werden wie durch Absorption verschwinden, nennt man das „kritisch“, k=1. Der kritische Zustand ist der normale Betriebszustand eines Kernreaktors, in dem eine sich selbst erhaltende Kettenreaktion abläuft. Beim Anfahren des Reaktors liegt der k-Wert leicht über 1 (überkritischer Reaktor), um die Kettenreaktion kontrolliert zu starten.
Der Reaktor verändert im Laufe des Betriebs kontinuierlich sein Verhalten – das Uran 235 in den Brennstäben, verbraucht sich, die Stäbe „brennen ab“. Nach drei bis fünf Jahren müssen sie deshalb getauscht werden. Ebenso verändert sich die Zusammensetzung des Kühlwassers während des Betriebes durch die sich ständig ändernde Strahlung durch den Abbrand der Brennstäbe. Darum wird der Betrieb eines Reaktors laufend automatisch korrigiert und dies von Menschen überwacht.

Aus dem Spiegel 11, 2011: Die Brennstäbe schwimmen im Reaktorbehälter
Nein. Vielleicht schwimmt eine Ente im Badewasser der Journalistin, aber weder die Brennstäbe noch die Steuerungsstäbe schwimmen frei im Wasser irgendeines Kernreaktors. Ohne fixe Distanz sowohl zueinander als auch zu den Steuerstäben wären sie nicht mehr kontrollierbar.
Der Ausdruck hinkt nicht nur, er führt den Leser auf eine falsche Fährte.
Und ein Tipp: wenn es um die Sicherheit von Hochhäusern in extrem erdbebengefährdeten Gebieten geht, dann setzen Architekten und Statiker auf flexible Lagerung, auf eine Abkopplung des Gebäudes von Bodenschwingungen. Auch die Flächenspitzen einer Boeing 747 schwingen im Flug bis zu 12 Meter nach oben und unten. Wären sie komplett starr, würden sie bei einem ganz normalen Transatlantikflug abbrechen.

Nicht alles was hinkt, ist ein Vergleich*
Zitat aus dem Spiegel 11, 2011:

Allein China will in den nächsten Jahren über 60 neue Reaktoren bauen, mehr als es heute Anlagen in Japan gibt.

Tja. Journalismus hin und her. Das Zitat hat die informative Qualität von: ein Kind allein isst zwei Äpfel und im ganzen Kindergarten werden sogar 30 Äpfel pro Tag verspeist!
Japan ist eine (seit jeher) erdbebengefährdete, relativ kleine Inselkette. China erstreckt sich über einen Großteil des Kontinents Asiens. Wenn man das Flächenmässig vergleicht, schneidet China sogar recht gut ab mit Quadratmeter pro Kernkraftwerk.
Mit mehr Sinn behaftet wäre eine Untersuchung, wo genau die neuen Kraftwerke geplant sind, ob die gewählten Standorte und Betreiber sicher sind und mehr. Dann können wir weiter diskutieren oder einen neuen kraftvollen Schlusssatz suchen.

Erdbeben der Stärke 7,2 oder 9,1
Zahlen sind immer gut, wenn man Fachwissen beweisen möchte. Man sollte sie allerdings korrekt einordnen können, will man dabei ernst genommen werden.
Ein Erdbeben der Stärke 2 (auf der nach oben offene Richterskala) wird auch unmittelbar über dem Epizentrum nicht viel mehr als ein Tassenwackeln bewirken. Und ein 9er wird auch in größerer Entfernung noch gravierende Schäden anrichten.
Bei einem 9er mit Zentrum inmitten eines großen Ozeans werden aber nicht die unmittelbaren Bebenschäden auf dem Festland das Problem sein, sondern die Wasserwellen an den Küsten (Tsunami). Ein Epizentrum inmitten eines großen Kontinents wird auch bei 9,1 keinen Tsunami bewirken.
Die Erdbebenstärke muss also stets in Distanz zum und der Art/Lage des Epizentrum gesehen werden.

(Zitat aus einer Newsgroup): Fukushima ist überall – Atomausstieg jetzt
Warum? An den Sicherheitskriterien für Kernkraftwerke in Deutschland hat sich auch mit den tragischen Ereignissen in Japan nichts geändert. Tsunamiauswirkungen in Mitteleuropa sind so unwahrscheinlich wie ein städtezerstörender Meteoriteneinschlag. Nicht unmöglich, aber komplett unrealistisch. Hier sind komplett andere Voraussetzungen wie an einer Inselkette im Pazifik. Geologen mögen mich korrigieren. Auch die Gefahr der seit Jahrhunderten bekannten Erdbebenlinie rund um Japan ist mit der Gefahr eines starken Bebens hierzulande vermutlich nicht mal in der Größenordnung vergleichbar.
Link: Die geologischen Grundlagen aus der Sicht des Deutschen Geoforschungszentrums Potsdam
Ob man für oder gegen Kernkraftwerke ist, da mag es gute Gründe geben. Politische Gründe, die die Wahl einer Partei fördern sollen, sind absurd.
Natürlich ist die Gefahr, in Frankfurt am Main auf der Zeil von einem Tiger angefallen zu werden, nicht gleich null. In ganz Sumatra dürfte sie aber bedeutend höher liegen. Auf der Zeil deswegen in Panik auszubrechen, macht wenig Sinn.

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* Zitat (Überschrift) stammt meines Wissens von Frank Kemper.

Die Diplomarbeit (Physik) des Autors dieses Beitrages war an der TU Wien (in Zusammenarbeit mit der IAEA): die mobile Abbrandmessung (Cs 137) eines Siedewasserreaktors.

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