Journaille
Besserwisser und Gedankenleser PDF Drucken E-Mail
Dienstag, den 07. September 2010 um 14:30 Uhr

Gute Journalisten sollte sich vom "ich kann auch schreiben und veröffentliche daher"-Mitmenschen unter anderem darin unterscheiden, dass erstere gründlich und nachvollziehbar recherchieren.

Dazu zählt, dass der Leser weiß, wer was wann gesagt hat, und wenn einer schon meint, seine eigene Meinung als Journalist kundtun zu müssen, dies ausdrücklich als Feuilleton oder (Buch-)Besprechung oder ähnliches kennzeichnet. In einem Bericht, einer Nachricht oder einer normalen Informationsgeschichte hat die persönliche Meinung des Schreiberlings nichts verloren.

Sätze wie "Angela Merkel findet an solchen Spielchen wenig Gefallen" (Der Spiegel 34/2010), oder "Merkel weiß, dass die kommenden Monate über ihre Kanzlerschaft entscheiden" (Der Spiegel 35/2010) sind unsauber und lassen sich bestensfalls dem Gedankenlesen oder einer Wunschvorstellung zurechnen. Beispiele fürs Gedankenlesen der Spiegelschreiber finden sich in fast jedem politischen Artikel mehrfach.

 

Zuletzt aktualisiert am Dienstag, den 07. September 2010 um 14:48 Uhr
 
Länge mal Photoshop PDF Drucken E-Mail
Montag, den 23. August 2010 um 21:31 Uhr

Manchmal wird einem beim Ansehen eines Bildes übel. Bei diesem hier überlegt man sich zumindest, ob man wirklich so nüchtern ist, wie man ohne Alkohol zu konsumieren nur sein kann.

  

"Frauen bei Frühgymnastik im Beachclub in Hamburg", so die Bildunterschrift im Original. (Hier ist nur ein Bildausschnitt des im Spiegel 32/2010 veröffentlichten Fotos gezeigt) 

Die Füße der vorderen Dame sind länger als ihr Unterarm, das Gesicht der Sportlerin dahinter ist eineinhalb mal so lang wie ihr Oberarm.

Wer Container als Anschauungsobjekte bevorzugt, kann sich auch an den unterschiedlichen Längen im Hintergrund sattsehen. 
   

Photoshop hat viele Features. Manche können Fotos von Knipsfotografen zu ansehlichen Bildern verwandeln. Ein zu viel an Geradeziehen (Perspektive) aber tut dem intelligenten Betrachter weh. Vielleicht sollte man fürs Layout doch wieder ausgebildete Grafiker beschäftigen…

 

Zuletzt aktualisiert am Montag, den 23. August 2010 um 22:25 Uhr
 
Die Einwohner von Wacken PDF Drucken E-Mail
Montag, den 23. August 2010 um 20:18 Uhr

Nein, ich habe nichts gegen den Spiegel. Ganz im Gegenteil. Er liefert Woche für Woche so schöne Steilvorlagen für mein Blog.

Zitat aus 32/2010:

"…Wacken, ein Dorf hinter Itzehoe, das normalerweise 1800 Einwohner hat, jetzt aber fast 80000."

Es geht um ein Heavy-Metal-Festival und um die Anzahl der Besucher. Oder um die Einwohnerzahl? Ja, ist das nicht das Gleiche? Oder dasselbe? Oder doch ganz etwas anderes? Oder müssen, wenn sie Spiegel lesen, alle Festivalbesucher auch Einwohner des Dorfes werden?

Fragen über Fragen. Die sich, wenn schon nicht der Redakteur, dann wenigstens der Leser stellt.

 

Zuletzt aktualisiert am Montag, den 23. August 2010 um 20:25 Uhr
 
Spiegel mit Gschmäckle PDF Drucken E-Mail
Freitag, den 13. August 2010 um 19:15 Uhr

"Nun kommt die Forschung zur gegenläufigen Erkenntnis: Der Mensch kann die Gene durch seinen Lebensstil beeinflussen." Nun? Ist Der Spiegel auch schon aufgewacht?

Zellbiologe Bruce Lipton forscht seit den 1980er Jahren und publiziert und talkt und verbreitet seine Forschungen aus Stanford und Chicago ans allgemeine Publikum. (What controls biology; think beyond your genes.) Auf youtube gibt es zahlreiche (nein, nicht unzählige, denn einige intelligente Menschen und viele dumme Maschinen können die Anzahl durchaus eruieren) Videos von und über ihn.

Quote "Gene sind kein Schicksal", beschreibt Blech…" End Quote aus dem Spiegel

Wenn er das ehrlicherweise wenigstens als Zitat von Lipton schreiben würde. Einfach nur peinlich.

Da wird viel altes Blech als neue Kuh durchs Dorf getrieben. 

Das Thema muss im August 2010 nicht nur als Titelgeschichte im Spiegel herhalten. Der Autor und der Rest der Redaktion finden auch nichts dabei, die auf Kosten des Magazins (und damit der Leser) recherchierte Geschichte auch als Buch im Spiegel dick und breit zu bewerben… Und schon sind etliche Journalistenpreise mitinbegriffen. Es bleibt wie immer alles in der Familie. Hätte ein freier Redakteur sich herausgenommen, die seit Jahren bekannten Forschungsergebnisse als neu zu veröffentlichen, hätte kein Hahn gekräht. Geschweige denn, dass das Buch auch nur eine Erwähnung im Spiegel erhalten hätte.

Bei anderen kommt die Ehrgefühlkeule im übrigen durchaus zum Zug: in der gleichen Ausgabe, etwas weiter hinten im Heft (S90): Beim Fußball haben nutznießerische Interessenskonflikte durchaus ein Gschmäckle.

 

Zuletzt aktualisiert am Montag, den 23. August 2010 um 20:18 Uhr
 
Die Zukunft ist Schwarz… PDF Drucken E-Mail
Donnerstag, den 22. Juli 2010 um 13:46 Uhr

… so der Titel eines Spiegelbeitrages über ein Comeback der Kohle. Schwarz sehe ich aber auch für die Qualität journalistischer Beiträge, wenn Vorführmagazine wie Der Spiegel zunehmend unbedarfte Meinungen ihrer Schreiberlinge als Tatsachen an den Leser bringen.

Quote

"… und bei 1100 Grad verfeuert. Die Höllenhitze lässt…"

Quoteende

Hmm. Soso. In der Hölle hat es also rund 1100 Grad. Also kann sie zumindest nicht auf der Sonne liegen, denn deren Oberfläche hat schon um die 5500 Grad, und in ihrem Inneren heizen geschätzte 15 Millionen Grad. Da ist die Hölle der drei Schreiber des Beitrages geradezu kalt dagegen. Für manche Menschen sind schon 40 oder 50 Grad auf dieser Erde die Hölle. 

Plastische Beschreibung macht für den Leser mehr Sinn und wertet einen ansonsten langweiligen Beitrag auf. Fussballfeldgroß ist anschaulicher als 70 mal 105 Meter. Der Vergleich muss aber den Tatsachen zumindest in der Größenordnung entsprechen und schon die Tatsache hinkt bei der Höllentemperatur gewaltig.

Geschwurbel und Geschwafel. Statt packendem Stil.


Zuletzt aktualisiert am Freitag, den 05. November 2010 um 20:37 Uhr
 
Trauerspiel: Der Spiegel und die Luftfahrt PDF Drucken E-Mail
Sonntag, den 11. Juli 2010 um 12:00 Uhr

Der Spiegel und die Luftfahrt – zwei Welten, die wollen einfach nicht zusammenkommen.

Schon die Titelzeile "Testpilot ohne Flugzeug" (aus "Der Spiegel 27/2010") ist journalistisch gesehen, Mist. Analog zum falschen Logikschluss: "Wenn die Straße nass ist, hat es geregnet." Nur weil es (auch) nass ist, nachdem es geregnet hat.

"Fliegen mit dem eigenen Körper" auf Deutsch ist, zugegeben etwas sperrig. Aber dafür zumindest korrekt. Wie oft, ist der original englische Ausdruck "Body Pilot" kürzer, treffender und damit passender.

Gleich der erste Satz zeigt, wie wenig Ahnung der Autor vom Thema des Artikels, Fallschirmspringen (unter Extrembedingungen) hat. Hier steht die alte, ausgelutschte, von Nichtspringern immer gern genommene Kamelle: .. "irgendwann zieht er die Reißleine…der Fallschirm schießt hervor". Über den Vorgang des Aktivierens und der Schirmöffnung von keiner Ahnung getrübt.

Seit rund zwei Jahrzehnten ziehen Fallschirmspringer einen kleinen Hilfsschirm, der im Luftstrom durch die Fallgeschwindigkeit den Verschlußpin zum Hauptschirm öffnet. Der Schirm "schießt" nicht nach oben, sondern der Springer fällt bis zur Öffnung mit rund 180 Stundenkilometern nach unten weg. Eine im Flugzeug befestigte Verbindungsleine, die nach dem Absprung die Hülle (Pod) um den Hauptschirm öffnet, ist mehr als Geschichte. Flapsig (und verkürzt) sagen Springer: wir ziehen den Hauptschirm, oder besser und korrekter: wir aktivieren den Hauptschirm.

Auch andere Basics der Physik scheinen am Autor unbemerkt vorbeigezogen zu sein. Denn es geht munter weiter: "Hält er einen Arm zur Seite, kullert auf den Rücken…" No. No. No! Actio est reactio. Kraft bewirkt Gegenkraft, das wußte schon der alte Newton. Wenn ich in den Arm nach rechts ausstrecke (und das die einzige Asymmetrie in meiner Körperhaltung bleibt), dann bewege ich mich nach links in eine Linksdrehung. Um mich auf den Rücken zu drehen, muss ich den Arm (oder ein Bein) nach unten/oben bewegen oder, was üblicher ist, die Hüfte "knicken".

Alle Fallschirmspringer duzen sich. So bringt die Aussage auch keinen Informationsgewinn, dass Felix Baumgartner Joe Kittinger als "Joe" anredet. Wie sonst?

Noch ein unverständlicher Satz im letzten Absatz:  "Für die jungen Basejumper ist es die Himmelfahrt eines Spaßguerrillos." Wen genau meint er da? Junge BASE-Springer (so die korrekte Schreibweise) kamen bis zum letzten Satz im Artikel nicht vor. 

Was im gesamten Artikel leider auch nicht vorkommt, sind die technischen Aspekte der Ausrüstung mit denen der Extremsprung durchgeführt werden soll. Aktiviert er den Schirm wie gewohnt? Welche Materialänderungen mussten vorgenommen werden? Interessant ist beispielsweise, dass Baumgartner wohl den guten alten Analoghöhenmesser nutzt, obwohl hier das Digitalzeitalter schon lange eingesetzt hat. Der Analoge funktioniert aber vermutlich in der extremen Kälte zuverlässiger.

Vier Seiten allgemeines Blabla ohne tieferes sinnvolles Nachfragen. Cry

Zuletzt aktualisiert am Freitag, den 05. November 2010 um 20:37 Uhr
 
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