Meine erste Katze

war Helga Kleisny's erstes Buch, eine Auftragsarbeit des Naturbuchverlages, dessen Erstellung – wie das Leben so spielt – gleichzeitig erfolgte mit dem ersten Macintosh Internet Buch.

Gleichzeitig an zwei Büchern zu schreiben, ist selbst bei Sachbüchern eine Herausforderung. Beide wurden zum geforderten Termin fertig. Schwierig war unter anderem, dass das Computerbuch für einen Schweizer Verlag geschrieben wurde, und die haben nunmal ein eigenes Deutsch: kein scharfes 's' beispielsweise, aber auch teilweise andere Wörter und Ausdrucksweise.

Das Wissen stammt nicht nur aus der Praxis der Vielzahl an Katzen, die mein Leben begleiten, sondern auch aus der Recherche vorort, etwa bei Tierfutterherstellern oder Wissenschaflern.

Was das Buch so charmant macht, so, dass sogar der renommierte französische Verlag Éditions Nature Auzou das Buch in einer französischen Übersetzung herausbrachte, ist das Verständnis für die Stubentiger, die sich in der Sprache und im Stil im Buches zeigt.

 

Textauszug aus dem Buch

 

Vom Wesen der Katze

Ganz sanft, mit einer Berührung ähnlich einer Feder, streicht die Katzenpfote übers Menschengesicht. Krallen? Ja, die hat sie auch. Aber im Moment sind diese weder sicht- noch fühlbar. Die samtweiche Streicheleinheit setzt sich fort. Nur: der Mensch, dem sie gilt, reagiert nicht.

Es ist Sonntag morgens sechs Uhr und der Mensch möchte in Ruhe ausschlafen. Jeden Tag während der Arbeitswoche früh aufstehen zu müssen, ist hart genug. Da darf man doch bitte, wenigstens am Feiertag mal etwas länger in den Federn bleiben und seine wohlverdiente Erholung geniessen?

Die Katzenpfote streicht weiter übers Menschengesicht. Der Druck wird stärker, die Berührungen bleiben trotzdem sanft und in jedem Fall ohne Krallen. Auch die Decke soweit wie möglich über den Kopf zu ziehen, bringt nicht den gewünschten Effekt. Die Katze hat ebenfalls noch einen Trumpf auf Vorrat: Sie stupst nun mit ihrem Gesicht fest an die Menschennase. Das langt.

Der Mensch resigniert und tappt verschlafen hinter der erwartungsvoll eilenden Katze her. Sie weist ihm den Weg in die Küche zum Fressschälchen, und wenn der Mensch den Versuch wagen sollte, etwa vorher noch ins Bad abzuzweigen, zeigt sie ihm mit sanftem Druck ihres Körpers gegen das Menschenbein unbeirrt den richtigen Weg.

Manche Katzen führen einen regelrechten Tanz auf während des Dosenöffnens. Vom Um-die-Beine-Streichen, Schnurren, Hochspringen bis zum Laufen auf zwei Beinen kann das Spektakel reichen. Ist das heiß erabeitete Futter dann im Schälchen, kehrt wieder Ruhe ein.

Das Schälchen wird blitzblank leergeleckt – nicht ohne vorher noch überprüft zu haben, ob auch die Schälchen von allen anderen Katzen leer sind – und dann folgt die ausgiebige morgendliche Reinigung.

Der Mensch, der sich mittlerweile verwegenerweise wieder in sein Bett begeben hat, wird erst beim anschliessenden Verdaungsrundlauf durch die Wohnung wieder gestört. Sind mehrere Katzen im Spiel, kann dies zu einer Verfolgungjagd ausarten. Auch quer übers Bett, falls dieses gerade im Weg steht. Spielerisch, versteht sich. Und abwechselnd – jeder darf mal den anderen über die Stockwerke jagen.

Nun wird es aber langsam Zeit für die erste Ruhepause. Nach der Aufteilung der begehrten Plätz auf Sofas und Fenster- und Heizungsbänken. Der Tag war bereits lang genug.

Nicht so für den Menschen. Meist hat er zu diesem Zeitpunkt seinen Schlafwunsch bereits aufgegeben, oder er muß während der Woche dann so langsam die Wohnung verlassen, um sich in den morgendlichen Verkehrsstau stürzen.

Für die Katze ist das alles unbegreiflich. Wieso beginnt jetzt die Hektik des Tages, wo man es sich doch endlich mal bequem machen kann?

Katze und Mensch: zwei Welten, die sich peripher manchmal berühren. Warum kommt also jemand auf die abwegige Idee, sich einen so anspruchsvollen Quälgeist zuzulegen?

Zunächst »legt« man sich Katzen oder auch andere Tiere nicht zu wie ein neues T-Shirt oder eine neue Jeans. Katzen sind Lebewesen: Das hat den Vorteil, daß sie auch ohne Knopfdruck miauen, aber auch den »Nachteil«, daß sie regelmäßig Nahrung brauchen und einen Teil davon natürlich auch wieder ausscheiden und daß sie – einen sehr eigenwilligen Charakter haben.

Lassen sich bei toten Gegenständen wie etwa Autos die Eigenschaften – Leistungsstärke, Ausstattung und Fahrverhalten – vor dem Erwerb ziemlich genau bestimmen, so ist dies bei Lebenwesen im Kätzchenalter nur in sehr bescheidenem Maß möglich: Wir erhalten sprichwörtlich »die Katze im Sack«. Am ehesten sind die Grund-Charaktereigenschaften und das Aussehen noch bei Rassekatzen absehbar – hier gibt es trägere, schlankere, lebhafte und sehr kluge Rassen. Allerdings besteht bei Rassekatzen die Gefahr der »Überzüchtung«, die sich in unterschiedlichen Krankheiten bemerkbar macht.

Sind für den Züchter seine Einnahmen wichtiger als das Wohlergehen seiner Tiere, so können die Katzen zwar bis zum Extrem dem vorherrschenden Schönheitsideal entsprechen, aber die Katze hat praktisch keine Nase mehr, weil kleine Näschen »ach so wunderschön sind« und ist damit eigentlich verkrüppelt oder behindert. Und das nicht naturgegeben – sondern, weil der Mensch es so möchte.

Und so kann ein Wald- und Wiesenmischling klüger, (für den Besitzer in jedem Fall) schöner und und auch charmanter sein als die ausgesuchteste Rassekatze. Nur, welche Eigenschaften das acht Wochen alte Mischlings-Kätzchen nun später als ausgewachsener Mäusetiger haben wird, läßt sich bestenfalls in geringem Maße an den Eltern absehen.

Katze sind anschmiegsam, launisch, eigensinnig. Sie setzen unaufdringlich, aber beharrlich ihren Willen durch. Problemlos können sie stundenlang vor dem Mauseloch ausharren oder unter dem Baum warten, bis alle Vögel vergessen haben, daß das wuschelige Ding da unten am Leben und gefährlich ist.

Die Charaktere von Katzen variieren: von ganz sanftmütig – bewegt sich nicht mal wegen einer Fliege vom Lieblingskissen weg – bis zu extrem eifersüchtig, sehr verspielt oder grenzenlos neugierig. Die gesamte Bandbreite, die auch aus dem menschlichen Bereich bekannt ist, finden wir hier wieder. Klarerweise ändern sich manche Eigenschaften mit dem Alter. Meist allerdings in Richtung Verstärkung des Charakterzuges. Auch das ist nicht ganz unbekannt.

Was finden also Millionen von Menschen weltweit an einer Katze als Mitglied der Familie? Der französische Maler und Romantiker Théophile Gautier (1811-1872) drückt dies in seiner blumenreichen Sprache sehr treffend aus:

"Die Freundschaft einer Katze zu gewinnen, ist eine schwierige Sache. Die Katze ist ein philosophisches, methodisches, stilles Tier, das an seinen Gewohnheiten festhält, Wert auf Ordnung und Sauberkeit legt und seine Freundschaft nicht leichtfertig anbietet.

Wenn Du ihrer  Zuneigung würdig bist, wird sie zwar dein Freund werden, jedoch niemals dein Sklave. Sie behält ihren eigenen Willen, und obgleich sie dich liebt, wird sie nichts für dich tun, was ihr unsinnig erscheint. Wenn sie sich aber dir hingibt, dann absolut voller Vertrauen und Zuneigung!"
aus Joan Moore: Das Tagebuch für Katzenfreunde
 
Wer einmal über das weiche und doch kräftige Fell einer lebenden Katze gestrichen hat, wird den Unterschied zum prächtigsten und teuersten Pelzmantel fühlen – dieser ist nichts weiter als tote Materie und mangelt der Schönheit und Vitalität des Felles an einem gesunden Tier.

Wer sich also für den Anblick und die Sanftheit wirklich schönen Felles begeistern kann, sollte dafür die (Raub-)Katze am Leben lassen – mittlerweile gibt es genügend schicke Imitate, die nicht nur den eigenen Körper warmhalten, sondern, mit der Sicherheit, einigen Tieren das Leben gerettet zu haben, auch das Herz.

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